Kulturprofil für Rüsselsheim:
„Hauptstadt der Route der Industriekultur“
von Achim Weidner
Gestern fand im Theater Rüsselsheim eine bemerkenswerte Veranstaltung zur Erarbeitung des „Kulturprofils“ statt. Wir wären nicht in Rüsselsheim, wenn das ganze nicht mit einem „kleinen Aufstand“ gegen die „Spielregeln“ begonnen hätte. Doch nach kurzer Zeit hatten sich die Wogen gelegt und nach der Wahl der Gruppensprecher begann eine sehr angeregte, freie und angenehme Diskussion. Meine Eindrücke beziehen sich auf die Gesprächsrunde zur These 6 - “Kultur für die Stadtentwicklung“.
Zunächst diskutierten wir sehr intensiv über die Überschrift der These 6. Der Einwand: In Rüsselsheim soll „Stadtentwicklung“ mit den Vorgaben und Sichtweisen der explizit wirtschaftspolitischen Sichtweise der Studie „Rüsselsheim 2020“ umgesetzt werden. Das würde, konsequent durchdacht, bedeuten, dass die These „Kultur für Rüsselsheim 2020“ betitelt sein müsste. In diesem Kontext wäre die Kultur zum Anhängsel einer technokratischen Vorstellung von „Stadtentwicklung“ degradiert. Das will sicherlich niemand und deshalb lautete der Änderungsvorschlag zur These: „Kultur als Stadtentwicklung“.
Wenn also Kultur ein Motor der Stadtentwicklung sein soll, dann muss das auch an konkreten Sachverhalten festgemacht werden. Im Folgenden möchte ich die Vorschläge und Zwischenergebnisse und eigene Notizen zur Gesprächsrunde kurz skizzieren:
• Rüsselsheim ist mehr als die Summe seiner Teile
Die Stadt hat eine gebrochene Identität, weil sie nicht organisch gewachsen ist. Rüsselsheim wurde erst durch die Notwendigkeit der Eingemeindungen (Expansion der Adam Opel AG) von Haßloch, Königstädten und Bauschheim zu dem, was es heute ist. Deshalb muss Kulturpolitik in Rüsselsheim pluralistisch und immer auch dezentral sein.
Neben dieser räumlichen Expansion kamen im gleichen Zeitraum tausendfach Familien aus überwiegend ländlichen Räumen uns fremder Gesellschaften mit ihren kulturellen und sozialen Traditionen und Vorstellungen in die Stadt. Deshalb wäre es überlegenswert, ähnlich der „Jazz-Fabrik“ und den „Opelvillen“ auch ein kulturelles Label für moderne und populäre Kunst (Musik, Literatur, Darstellende und Bildende Kunst) aus der Türkei und dem arabisch sprechenden Raum zu entwickeln und Rüsselsheim als Taktgeber in der Region Frankfurt Rhein-Main zu etablieren.
• Rüsselsheim – Hauptstadt der Route der Industriekultur
Aus Rüsselsheim kam ein wichtiger Impuls für die „Route der Industriekultur Rhein-Main“. Als Impulsgeber ist hierbei das Museum der Stadt zu benennen. Die „Route“ muss weiterentwickelt werden. Sie muss neben der Sicherung historisch wichtiger Gebäude und Zeitzeugnissen, auch die Gegenwart und die Zukunft beleuchten und reflektieren. Dies sollte sich auch im Namen widerspiegeln. Denkbar wäre beispielsweise „Museum für Indusriekultur Rüsselsheim“. Das Museum muss mit dem Projekt „Classic Museum“ inhaltlich und konzeptionell verbunden werden. In unserem Selbstverständnis müssen wir wollen, das Rüsselsheim auch sichtbar eine „Hauptstadt der Route der Industriekultur“ wird. Deshalb müssen „Institutionen“ der Route in der Stadt angesiedelt werden. Als Hauptstützpunkt und Koordinationszentrum wäre das Opel-Altwerk der richtige Ort.
Industriekultur ist keine abgeschlossene Epoche, sondern Rüsselsheim kann sich auch als lebendiges Beispiel des Wandels verstehen. Im Grunde ist Rüsselsheim ein lebendiges Museum der Moderne, an dessen Beispielen (mögen es auch Fehlentwicklungen sein) man unter realen Bedingungen und in Echtzeit nachvollziehen und verstehen kann, was auf der Welt von heute vor sich geht.
Rüsselsheim hat mit dem Eintritt in die Automobilproduktion im letzten Jahrhundert von der Globalisierung profitiert, gut gelebt und seinen Wohlstand aufgehäuft. Nun ändern sich die Bedingungen, also müssen wir uns anpassen, um weiter mitspielen zu können.
Der Referenzpunkt für alle und alles in Rüsselsheim ist OPEL. Deshalb kann es nicht recht sein, dass z.B. auf einem Autobahnschild die „Rüsselsheimer Festung“ abgebildet werden soll. Wir stehen nicht im Wettbewerb mit Burgruinen entlang deutscher Autobahnen. Wir haben Industriegeschichte in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ vorzuweisen. Aus diesen Erfahrungen kann Identität wachsen.
• Kommunikationszentrum
Rüsselsheim braucht ein modernes öffentliches Kommunikationszentrum in seiner städtischen Mitte. Als denkbarer Ort und „Kraftfeld“ sticht hier die „Schauburg“ ins Auge.
• Rüsselsheim als „Produktions“ort virtueller Realitäten
Wir müssen in unseren Vorstellungen die möglicherweise typisch deutsche Trennung von Kultur und Technik überwinden. Deutlich wird dies bei der Bedeutung virtueller Schöpfungen. Wir sind sofort dabei, ein Gedicht in den Bereich der Kunst und Kultur zu verorten. Wo aber verorten wir die schöpferische Kraft und Imagination virtueller Realitäten, wie sie in den Design-Studios der Rüsselsheimer „Automobilschmieden“ erdacht werden - „Geist“ und „Software“ bedingen sich. Hier muss sich die Rüsselsheimer „Kunst- und Kulturszene“ öffnen, sie ist in weiten Bereichen noch immer altmodisch.
Wir müssen heute versuchen zu erahnen, wie die Welt im Jahr 2020 aussehen könnte. Schon die heute Geborenen kennen nicht mehr den „real existierenden Sozialismus“, aber sie kennen das Internet und wachsen mit virtuellen Welten auf, wie „World of Warcraft“, „Second Life“, „Knuddels.de“ oder Musikdownloads.
An allen Ecken und Enden in Rüsselsheim sind „merkwürdige“ Geschäfte zu sehen, in denen man billig in alle Herren Länder telefonieren oder surfen kann. Wir haben in unserer Stadt Menschen aus aller Welt. Vor einiger Zeit rief mich eine Frau mit einem indisch klingenden Einschlag in der Stimme an und fragte mich, ob meine Internetfirma Dienstleistungen nach Indien auslagern wolle. Ich dacht, ‚WOW, jetzt bin ich in der globalisierten Welt angekommen’. Und daraus entsprang meine Frage im Arbeitskreis, ob man nicht auch von Rüsselsheim aus mit Internetdienstleistungen den Nahen Osten erschließen oder für türkische Firmen Websites für ein europäisches Publikum erstellen könnte. Genug junge Leute mit „Migrationshintergrund“ leben in unserer Stadt, das wäre doch was für unser Gründerzentrum, unsere Schulen oder die Migrations- und Wirtschaftsspezialisten in der Stadtverwaltung.
Fazit: Rüsselsheim wird durch engagierte Bürger vorangebracht. Deshalb war die rege Teilnahme am 1. Gespräch über das Kulturprofil ermutigend. Es gibt viele, denen das Wohl der Stadt am Herzen liegt. Es war ein kräftiger Herzschlag zu verspüren.